Welches Erlebnis hat Sie in den letzten 15 Jahren am meisten beeindruckt?

Es gibt viele prägende Erlebnisse, über die ich berichten könnte: Erfolge und Enttäuschungen, unerwartete Schützenhilfe von lieben Menschen, aber auch Verrat durch falsche Freunde. Ein Ereigniswird mir jedoch immer in Erinnerung bleiben: Ich war in Washington DC und wartete in einem grossen Hotel auf den Lift. Plötzlich ging das Schiebetor auf, und ich erblickte zwei Frauen: eine stattliche Afrikanerin im grünen Kleid mit Goldschmuck, und neben ihr eine zierliche Asiatin im blauen Gewand mit Silberschmuck. Kaum hatten die beiden mich erblickt, riefen sie mit vereinter Stimme: «Giselle, you are here!» Tatsächlich hatten die beiden Frauen während ihrer Liftfahrt nur Augenblicke zuvor entdeckt, dass sie beide Trägerinnen einer Armbanduhr von Delance waren. Meine Uhr hatte also spontan Menschen zusammengebracht, wie sie unter-schiedlicher nicht sein könnten.

Wie ist die Vision für die Delance Damenuhr entstanden?


Das war ein langer Weg, der stark mit weiblichen Wesen verbunden ist. Ich war seinerzeit in der Uhrenbranche tätig, dennoch fand ich keine für meinen Geschmack passende Armbanduhr.

Ich störte mich besonders an den verkleinerten Herrenmodellen. Diese kamen mir vor, als ob die Frau von den Uhrendesignern als geschrumpfte Ausgabe des starken Geschlechts angesehen würde.
Da konnte ich nicht mitgehen. Zudem wurde mir bewusst, wie schwer es für begabte Frauen immer noch ist, sich eine Stellung mit Verantwortung zu erarbeiten. Schliesslich fühlte ich mich dem Andenken meines Vaters verpflichtet, der mit nur 32 Jahren gestorben war. Auch das vierblättrige Kleeblatt, welches ich einst meiner Mutter geschenkt hatte, war eines jener starken Zeichen, die meine Vision beflügelten. Meine Uhren sind
die Verkörperung all dieser Symbole. Und sie spiegeln das «Savoir-faire» des Handwerks in unserer Heimat wider, denn sie werden in Porrentruy, wo ich auf gewachsen bin, und in Biel, wo ich seit nunmehr 40 Jahren lebe, gefertigt.

Frauen sind in der Chefetage selten vertreten, besonders in der Uhrenbranche. Musste sich Giselle Rufer stärker bewähren als ihre männlichen Kollegen?

Das will ich so nicht sagen, aber sichermusste ich mich gegen andere Vorurteile und auf meine eigene Art und Weise behaupten. Überkommene weibliche Tugenden stehen bei uns immer noch auf dem Podest: die Frau als Mutter, die ergebene Ehefrau, die starke Frau im Hintergrund... Wir müssen noch Berge versetzen, um die Männerwelt aus Bankiers, Investoren, Führungskräften, Ehepartnern und Vätern zu über-zeugen, dass wir als gestaltende Verantwortungsträgerinnen an der Verwirklichung von wirtschaftlichem und sozialem Wohlstand teilnehmen wollen. Langfristig kann sich keine Nation den Luxus leisten, die Hälfte der Bevölkerung mit untergeordneten Arbeiten zu betrauen und damit auf die schöpferische Kraft der Frauen zu verzichten.
Bieler Tagblatt
3. September 2011